Jemand, Anna und wir alle
Am 19. März 2019 | 0 Kommentare

Wir möchten euch den informativen Text nicht vorenthalten, den Simona Sala und Claudia Lafranchi (Herausgeberinnen der originalen Veröffentlichung von Daniele Finzi Pascas Nuda) als Einführung in die Welt der “Nacktgeborenen” und Daniele Finzi Pascas verfasst haben. An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an die beiden für ihre wertvolle Unterstützung bei der Realisierung der deutschen Ausgabe des Romans.


Jemand, Anna und wir alle

Daniele bewegt sich, wie es sich für einen guten Seiltänzer gehört, auf einem Draht. Er taumelt, verliert jedoch nicht das Gleichgewicht, und vor allen Dingen gibt er in seiner Rolle als Erzähler nicht auf, er nimmt uns an der Hand und führt uns durch seine fantasievolle Familiensaga.

Eine Geschichte, in der das Unabwendbare mit der Überraschung einhergeht, das Magische mit dem Traum, die Fantasie mit der Realität. Eine Geschichte, in der mit Tränen und Gelächter nicht gegeizt wird, die in jenem unglaublichen Magma zusammenfliessen. Ein Magma, in dem der eingefleischte Puppenspieler es geschafft hat, die Essenz und den Zauber zu erfassen. Denn Daniele Finzi Pasca ist ein professioneller «Zauber-Spender» und tut dies seit Jahren, auf der ganzen Welt. Mit seinem unsichtbaren Zauberstab gelingt es ihm, die Massen an einen geschützten Ort zu führen, an einen Ort, an dem es letztlich aber doch das Individuum ist, das den Meister verkörpert, das Individuum mit all seinen Schwächen und Stärken.

Nun hat der Künstler sich entschieden, seine magische und dicht besiedelte Welt dem geschriebenen Wort anzuvertrauen und dem Leser so die Möglichkeit zu geben, eine Reise auf eigene Faust zu unternehmen. Für einmal weit weg von Stadien, Theatersälen und Zirkussen. Die Nacktgeborene (Nuda im italienischen Original) steht nun zum ersten Mal dem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung, fast dreissig Jahre nach der deutschen Veröffentlichung einer der ersten Arbeiten von Daniele: der Dramaturgie Viaggio al confine, die 1987 geschrieben und 1992 unter dem Titel Grenzgang in Zürich übersetzt worden ist.

Dies bietet also die Gelegenheit, das deutschsprachige Publikum in das magische Universum von Daniele Finzi Pasca einzuführen.

Ja, einzuführen, denn von den unzähligen international anerkannten Produktionen der Compagnia Finzi Pasca (gegründet von Daniele, Julie Hamelin Finzi, Maria Bonzanigo, Hugo Gargiulo und Antonio Vergamini) sind bisher nur einige wenige dem deutschsprachigen Publikum präsentiert worden (Wir beziehen uns hier auf Icaro, La Verità und Donka. Una lettera a Chechov).

Es bleibt zu wünschen, dass die bevorstehende traditionelle Fête des Vignerons 2019, die einmal pro Generation über die Bühne geht und deren Hauptautor diesmal Daniele ist, und parallel dazu, wenn auch auf einer anderen Ebene, dieses Buch («sein Wort gewordenes Theater», wie es jemand einst genannt hat) dem Publikum einen Künstler näherbringt, der in seinem Bereich wohl einzigartig ist: Daniele Finzi Pasca, den Autor einiger sehr grosser Produktionen wie der Zeremonien zum Abschluss der Olympischen Spiele in Turin (2006) und in Sotschi (2014) oder des Cirque du Soleil und einer Reihe von Theaterstücken, mit denen er seit mehreren Jahren auf der ganzen Welt auf Tournée ist.

Die Nacktgeborene ist eine Seifenblase, ein mit offenen Augen geträumter Traum, ein wunderschönes Spiel, obwohl das Ganze an die Seiten eines Buches gebunden ist. Es ist eine Erzählung, die still oder laut gelesen werden kann. Sie kann sogar Kindern vorgelesen werden, die sich vom konstanten und unaufhörlichen Strom an Emotionen und Gedanken, an Anspielungen und Illusionen mitziehen lassen, dem Strom, der dahin fliesst, wohin die der Erwachsenenwelt abhanden gekommenen Sinne nicht mehr folgen können. Dabei verspüren sie Empathie mit den Schwachen, aber auch mit den Starken, denn auch letztere haben stets ihre Schwächen. Die Nacktgeborene ist die erworbene Freiheit, die Akzeptanz und der Mut, sich selbst zu sein, und die Leichtigkeit, die auf natürliche Art und Weise daraus entsteht, im Speziellen, wenn die Seele dazu bereit ist, sich gehen zu lassen und sich für einen Zustand der Anmut zu öffnen. Aber Die Nacktgeborene ist auch die Geschichte eines Schicksals, das vielleicht im Moment der fast zeitgleich stattfindenden Geburt der beiden Protagonistinnen geschrieben wird, vielleicht aber auch schon viel früher. Und genau mit dem Schicksal spielen die beiden Protagonistinnen. Manchmal vertrauen sie darauf, manchmal machen sie sich darüber lustig, in einem Prozess der persönlichen Identitätsfindung, der zuweilen das Niveau hochklassiger Lyrik erreicht. Wie an jener Stelle, an der Anna und ihre Zwillingsschwester gemeinsam vor dem Schöpfer selbst tanzen, wobei es ihnen gelingt, daraus ein Spiel mit ein wenig Respektlosigkeit und sehr viel Poesie zu machen. Und zum Schluss, dank einer sehnsüchtigen Umarmung, findet das Zwillingspaar zu seinem ursprünglichen Zustand als ein Einziges zurück.

Es sind viele Themen, die ins Spiel kommen und dabei Mal für Mal die Perspektive auf eine Geschichte verändern, Themen, die eine unendlich grosse Anzahl an anderen Geschichten heraufzubeschwören imstande wären, indem sie die Elemente ins Spiel bringen, die dem Luganeser Künstler am meisten am Herzen liegen: Zwischen den Zeilen hört man sanfte Musiknoten wie Regentropfen, Licht und Schatten lassen sich erahnen, streckenweise scheint es gar, dass man den pfeifenden Wind hören kann, der Gewänder und Laken aufbläht. Nichts ist, was es scheint, gleichzeitig aber könnte es das aber doch auch sein: die Toten können zurückkehren, Groll kann zu kosmischer Liebe werden, sogar der Verrücktheit gelingt es, den Anschein eines normalen Alltags zu bewahren. Während die per se von Tragik geprägte Trauer zu einem Wachstumsprozess wird, den man akzeptieren kann.

Der am Schluss gewonnene Eindruck ist folgender: es scheint, als sei man in ein Spektakel eingetreten, das einzigartig in seinem Genre ist, das sich aber auf gewisse Weise an dasjenige eines jeden unter uns anschliesst, denn es ist nichts anderes als ein sich ewig wiederholender Archetyp. Das Leben wird zu einer grossen Bühne der Gemeinschaft, auf dem jeder gemeine Ritus sich in einen einzigartigen und nicht wiederholbaren Moment verwandelt. Genau so, wie auch wir einzigartig und einmalig sind, scheint der Autor uns mit auf den Weg geben zu wollen. Dazu reicht es, bereit zu sein, sich – metaphorisch gesprochen – auszuziehen und dabei den Schrein der Seele zu öffnen.

Simona Sala und Claudia Lafranchi Cattaneo (Lugano, März 2019)

(leicht angepasstes Nachwort von Nuda, Edizioni Abendstern, 2014; dt. Rahel Schmidig)

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